Das Kultbuch: Jean-Paul Sartre – Der Ekel

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Das Kultbuch: Jean-Paul Sartre – Der Ekel

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Sartre Der Ekel

Der Roman des Existentialismus „Life isn’t about finding yourself or about finding anything, life is about creating yourself“. Dieser Gedanke, formuliert von Bob Dylan in Martin Scorseses Dokumentation „Rolling Thunder Revue“, verdeutlicht in gewissem Sinne einen Aspekt, um den es in Sartres Roman „Der Ekel“ und überhaupt im ganzen Existentialismus geht: Die Existenz ist nicht zu legitimieren und sie ist nicht ableitbar. In ihr liegt nichts, das man finden könnte, um sie und damit auch sich selbst zu rechtfertigen. Man muss schon selbst etwas machen, man muss sich selbst erfinden und dem ganzen Dasein dadurch einen Sinn verleihen. Denn: Existenz heißt einfach nur, dass man da ist.

Sartres Protagonist, der Historiker Antoine Roquentin, lebt in der französischen Kleinstadt Bouville, um dort an einem historischen Buch zu arbeiten. Währenddessen ergreift immer wieder ein großer Ekel Besitz von ihm. In Tagebucheinträgen versucht er, dem auf den Grund zu gehen. Schließlich findet er dessen Ursprung im Wissen um die Sinnlosigkeit der eigenen Existenz und der ganzen Welt. Er bricht seine Arbeit ab, denn durch das Schreiben über die Existenz anderer – er arbeitet an ein historisches Buch – kann er seinem eigenen Dasein keinen Grund geben. Aller Illusion beraubt, beginnt Roquentin als lebender Toter, völlig antriebslos wie sediert zu leben. Gegen Ende von Sartres Roman trifft er auf seine ehemalige Geliebte Anny. Während eines Gesprächs fällt ihm auf, dass sie einen ähnlichen Weg gegangen ist wie er, auch sie lebt vollkommen illusionslos. Im Wesen ist ihr beider Denken das gleiche, und doch finden sie nicht zueinander, sondern bleiben einsam, ja müssen sogar einsam bleiben. In anderen seiner Werke definiert Sartre alle menschliche Interaktion als Urteilen, zu dessen Begriff ja auch das Vergleichen gehört. So kann Roquentin sein Denken mit dem seiner ehemaligen Geliebten vergleichen, aber trotzdem kann er sie beide nicht zusammenführen. Es scheitert am Inneren. Das Denken ist, wie jede menschliche Kommunikation, etwas Äußeres, es lässt sich vergleichen und beurteilen. Beim Inneren ist das anders: Das Gefühl (oder das, was man so nennt), das beide aufgrund ihrer Illusionslosigkeit haben, kann nicht nach außen, denn dann würde es zum Äußeren, zum begrifflich Fassbaren, zum Existenten werden.

Anny kann ihn nicht verstehen, weil sie sein Gefühl nicht kennt. Sie kann das abstrakte Wesen, das in seinem Denken liegt, nicht kennen. Und genauso geht es Roquentin. Als Gegenspieler zur Existenz entwirft Sartre das Sein. An ihm ist nichts überflüssig, es ist unendlich und nicht lokalisierbar. In Shelton Brooks’ Lied ›Some Of These Days‹, interpretiert von der Jazzsängerin Sophie Tucker, findet Roquentin hinter der Musik, hinter dem Gesang dieses ewig währende Sein. Als abstraktes Wesen, das im Existenten (hier: im Lied) schlummert, kann es ihn vor dem Ekel retten. Er findet einen kleinen Hoffnungsschimmer: Das Leben legitimieren, indem man etwas erschafft, das ein solches Sein transportieren kann. Durch eine eigene Tat. (Vincent Numberger)

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