The Pretty Reckless: Schwarze Zeiten – Taylor Momsen im Interview

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The Pretty Reckless: Schwarze Zeiten – Taylor Momsen im Interview

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Vom Kinder-Model zur Schauspielerin zur Rock-Frontfrau mit The Pretty Reckless: Taylor Momsens Leben folgte stets einem Aufwärtstrend. Doch dann schlug das Schicksal plötzlich unerbittlich zu und stürzte sie in ein lebensbedrohendes Chaos.

Mit nur 27 Jahren ist Taylor Momsen schon eine Veteranin des Rock’n’Roll. Ihre Band The Pretty Reckless veröffentlicht ihr viertes Album DEATH BY ROCK AND ROLL, eine kraftvolle Mischung aus Grunge-Riffs und Classic-Rock-Refrains, die sich mit Themen wie Trauer, Depression und Überleben auseinandersetzt, mit einer Klarheit, wie sie nur von hart erarbeiteter Erfahrung kommen kann. Es ist der bisherige Gipfel einer musikalischen Karriere, die bis ins Jahr 2008 zurückreicht, als die Sängerin mit 14 die Formation gründete. Im Rampenlicht stand sie jedoch schon ihr ganzes Leben lang. Momsen kam 1993 in St. Louis, Missouri, zur Welt, ganz in der Nähe des berühmten Clubs Blueberry Hill. Als sie noch klein war, nahmen sie ihr Vater Michael, ein ehemaliger Roadie von Aerosmith und Beatles-Fanatiker, und ihre Mutter Colette zu einem Konzert von Chuck Berry in seiner Heimat mit. Sie inspirierten ihre Tochter nicht nur zu ihrer Liebe für Musik, sondern hatten auch Ambitionen für sie – schon mit zwei Jahren war sie ein Profi-Model und ein Jahr später, kaum den Windeln entwachsen, begann ihre Schauspielkarriere.

„Eines der Dinge, für die ich so dankbar bin, ist, dass mir das ein sehr ausgeprägtes Arbeitsethos beigebracht hat“, sagt sie. „Ich bin mir nicht sicher, ob das heute so wäre, wenn ich nicht schon so jung zu arbeiten begonnen hätte.“ Im Gespräch ist sie freundlich, entspannt und sachlich, ihre Stimme tief und zurückhaltend mit einem Hauch Rauhheit, und oft punktuiert sie ihre Gedanken mit einem schnellen, selbstironischen Lachen. Sie spricht mit uns aus ihrem Zuhause im ländlichen Maine auf einer Insel im Atlantik. Dort ist sie komplett isoliert, abgesehen von ihrem Hund und der örtlichen Fauna – sie hat in der Umgebung schon Seehunde, Adler, Fischadler, Füchse und Stinktiere erspäht. Diese Abgeschiedenheit gefällt ihr und erlaubt es ihr, sich auf das Songwriting zu konzentrieren. Das tat sie schon immer, auch als ihre Schauspielkarriere Fahrt aufnahm.

Eine ihrer schönsten Erinnerungen von einem Filmset war, als sie mit sechs Jahren die Figur der Cindy Lou in „Der Grinch“ spielte. Da hatte sie erstmals die Gelegenheit, in ein Aufnahmestudio zu gehen, um ›Where Are You Christmas?‹ zu singen. „Es war nie mein Ziel, eine Schauspielerin zu werden. Das war nur etwas, was ich eben so tat.“ Es folgte die Rolle als Jenny Humphrey im Teenie-Drama „Gossip Girl“. Für Möchtegern-Starlets in aller Welt hatte sie es schon geschafft.

Doch Momsen leugnete damit ihr wahres Ich und gab den Glamour des TV-Starruhms mit 14 auf, um stattdessen den Dreck der Straße mit einer Rockband zu suchen. „Mein Konto hat es mir nicht gedankt!“, sagt sie mit einem Lachen. „Doch da gab es nicht mal irgendwas zu überdenken. Als ich begriff, dass ich nicht in einer Fernsehsendung sein MUSSTE, war die Sache erledigt. Ich folgte einfach meiner Leidenschaft.“

Der Produzent Kato Khandwala war der Schlüssel, um The Pretty Reckless ins Rollen zu bringen. Er war der Kreativpartner, der Momsen mit Gitarrist Ben Phillips bekannt machte, und „im Wesentlichen das fünfte Bandmitglied [neben Bassist Mark Damon und Schlagzeuger Jamie Perkins] sowie mein bester Freund auf der ganzen Welt“. Ebenso wie der Mensch, der sie ermutigte, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen. Drei Hitalben folgten. Dann brach 2017 Momsens Welt zusammen.

Auf Tour als Vorgruppe von Soundgarden – neben den Beatles ihre Lieblingsband – freundete sie sich mit ihren Helden an und war begeistert, jeden Abend für deren Fans zu spielen und die Seattle-Legenden in Aktion zu erleben. Am 17. Mai, nach ihrer Show in Detroit, gab sie Frontmann Chris Cornell zum Abschied eine Umarmung, bereit, um das Ganze in der nächsten Stadt zu wiederholen. Am folgenden Morgen war die Nachricht von seinem Selbstmord schon um die Welt gegangen. Am Boden zerstört und „mental nicht in Ordnung“ sagte Momsen sofort sämtliche Live-Aktivitäten ab und fuhr nach Hause, um irgendwie damit fertigzuwerden. Als sie dann irgendwann endlich den Verlust verarbeitet hatte, begann sie wieder Songs zu schreiben. Sie rief Khandwala an und blickte nach vorne, um an dem neuem Material zu arbeiten, das dann schließlich zu DEATH BY ROCK AND ROLL wurde – der Titel ist ein Mantra und Running Gag, nach dem der Produzent lebte. Doch es sollte nicht bei der einen Tragödie bleiben. Kurz nach ihrem Gespräch kam Khandwala bei einem Motorradunfall ums Leben.

„Ich war am Ende“, gesteht Momsen, während ihre Stimme etwas bricht. „Ich stürzte in ein tiefes Loch aus Dunkelheit, Depression und Drogen. Ich hatte praktisch aufgegeben. All diese Trauer hatte mich so fest im Griff, dass ich nicht wusste, wie ich da wieder rauskommen soll. Ich wusste nicht, ob es mir je gelingen würde, da wieder rauszukommen. Und ehrlich war es mir auch egal. Ich war fertig mit dem Leben.“

Sie zog sich von der Welt zurück und befand sich in einem gefährlich trostlosen Seelenzustand. Es dauerte Monate, bis sie überhaupt wieder Musik hören konnte, geschweige denn schreiben. Doch als sie es schließlich tat, war es wie eine Sturmflut und sie ließ all die Angst und Wut heraus. Und sie suchte nach Hoffnung. „Ich steckte alles, was ich noch hatte, in dieses Album. Der Punkt war erreicht, wo ich entweder sterben oder wieder aufstehen und nach vorne blicken würde. Der Musik habe ich zu verdanken, dass es Letzteres wurde, denn sie war alles, was ich hatte.“

Die Verstorbenen werden auf dem Album gewürdigt. Das Titelstück beginnt mit dem Klang von Katos Schritten, und Kim Thayil und Matt Cameron von Soundgarden veredeln ›Only Love Can Save Me Now‹ mit ihrem unverwechselbaren Stil, aufgenommen in den London Bridge Studios in Seattle, wo einst das Major-Debüt LOUDER THAN LOVE ihrer Band entstanden war.

Momsen weiß die kreative Kontrolle über die Platte sehr zu schätzen, was sich auch auf das Cover-Artwork erstreckt. Dort ist sie nackt in fötaler Position auf einem echten Grab zu sehen, bedeckt mit Moos und Blättern. Das war keineswegs die Idee schmieriger Strippenzieher, die aus einem sexualisierten Bild Prof it schlagen wollen, sondern einzig und allein die eigene Vision der Sängerin, um die Songs zu verkörpern, die sie an ihrem absoluten Tiefpunkt schrieb.

the pretty reckless

„Es geht im Wesentlichen um Wiedergeburt. Das Konzept war: Wie stellst du all diese Emotionen, dieses Trauma, diesen Verlust und alles, das wir durchgemacht haben, in einem Foto dar, das gleichzeitig auch für Hoffnung steht? Für mich ist das Wiedergeburt. Nacktheit ist eine Sache, aber ich bin aus gutem Grund nackt. Wenn du geboren wirst, kommst du mit nichts als deiner Seele in diese Welt, und wenn du wieder gehst, dann ebenfalls mit nichts als deiner Seele. Das wollte ich wirklich auf dem Cover zum Ausdruck bringen und ein Bild erschaffen, das diese Platte beschreibt.“

Der Zusammenbruch eines einstigen Kinderstars gehört zu den größten Klischees der Entertainment-Branche – diese tragische Britney-Spears-Story, die Revolverblätter so lieben. Doch man gewinnt den Eindruck, dass Momsen ihre düstersten Zeiten überlebte, WEIL sie all dem zugunsten ihrer Band den Rücken kehrte. Die Rock-Mythologie gibt zwar vor, dass 27 das gefährlichste Alter überhaupt ist, doch für sie war es das Jahr, das ihr die Chance gab, sich für das Leben zu entscheiden, wieder aufzublühen und ihrem Instinkt auf der Suche nach dem Glück zu folgen. „Ich wende mich der Musik zu und das ist fast wie Meditation. Musikmachen als Beruf? Das ist kein Job, sondern eine Freude und ein Vergnügen.“

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