Tom Waits – Toms wildes Jahr

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Tom Waits – Toms wildes Jahr

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Der Eröffnungssong ›Underground‹ schien von einer Gemeinschaft mutierter Zwerge zu handeln, war aber vor allem eine offensichtliche Metapher für das unterirdische Königreich, das Waits entdeckt hatte: „It’s a place I’ve found / There’s a World going on underground…“ Ein kurzer Stampfer von einem Song mit einem Schuss Brecht-Weill, der fröhlich Waits’ neue Bausteine präsentierte: Feldmans pluckernde Marimba, Aldcrofts furzende Posaune, das gedämpfte Dröhnen von Hodges’ Schlagzeug und Tacketts Stakkato-Telecaster. Nach ›Shore Leave‹ und ›Dave The Butcher‹ folgte ›Johnsburg, Illinois‹, eine kleine Versöhnung mit den alten Fans, die von den ersten drei Stücken des neuen Albums vermutlich abgeschreckt wurden. Die Ironie dahinter: Ausgerechnet für jenen Song, mit dem er der Frau Tribut zollen wollte, die ihn dazu gebracht hatte, seinen Sound zu revolutionieren, wählte Waits die bewährte Form der Piano-Ballade. Benannt nach der Stadt im Mittleren Westen, in der Kathleen aufgewachsen war, erinnerte uns dieses 90-Sekunden-Stück daran, dass Waits das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet hatte.

Der kraftvolle Beat von ›16 Shells From A Thirty-Ought Six‹ klang nach Beefheart auf Industrial-Abwegen oder Howlin’ Wolf als Arbeiter einer chain-gang: Eine neue Klanglandschaft für Waits, abgerundet vom bizarr-düsteren Bild einer Krähe, gefangen hinter den Gitterstäben – also Saiten – einer Gitarre. ›Town Of No Cheer‹ indes wurde von einem Zeitungsartikel inspiriert, den Waits gelesen hatte. Es ging um eine australische Stadt, in der die Züge nicht mehr hielten, weshalb alle Kneipen dicht machen mussten. Diese Ödnis wurde mit einigen Dudelsäcken, einem keuchenden Akkordeon und ein wenig Synthesizer in Szene gesetzt. Die erste Singleauskopplung, ›In The Neighborhood‹, klang nach einer Blaskapelle, die durch Waits’ eigenartige Nachbarschaft in L.A.s Union Avenue paradiert. „Ich wollte die Musik auf die Straße bringen“, erklärte Waits, „und zwar mit Tuba, Posaune, Trompeten, Snaredrum, Becken und Akkordeon.“ Der Song war auch die Basis für seinen ersten Videoclip, inszeniert vom großartigen Dokumentarfilmer Haskell Wexler.

Obwohl ›Frank’s Wild Years‹ das bis heute bekannteste Stück des Albums ist, war es im Kontext von SWORDFISHTROMBONES eigentlich schon ein Anachronismus: Ronnie Barrons Lounge-Orgel war ein Rückfall ins halbseidene Milieu von HEARTATTACK AND VINE, wobei Waits die Geschichte seines eigenen Vaters erzählte, der die Familie einst verlassen hatte – zumindest eine freie Version davon, denn Titelheld Frank zündet sein Haus im San Fernando Valley an. Wie ›Underground‹, kann der Song aber auch als Metapher für Zerstörung und anschließenden Neubeginn verstanden werden.

Mit dem exquisiten ›Soldier’s Thing‹ warf Waits seinen alten Fans einen weiteren Knochen hin. Erneut mit Piano eingespielt und von Greg Cohens Kontrabass begleitet, fing der Song die Traurigkeit ein, die zurückgelassenen Habseligkeiten anhaftet. Auf ›Trouble’s Braids‹ zitierte Waits die Beatpoesie seiner klassischen Aufnahmen der SMALL-CHANGE-Ära: ein aufregender Mix aus frenetischem Bass und afrikanischer Percussion, der aus Feldman und Hodges das Beste herausholte.

Nachdem Waits beschlossen hatte, im Anschluss an die Aufnahmen nicht auf Tournee zu gehen, herrschte Abschiedsstimmung, als die Musiker wieder getrennte Wege einschlugen. Dann sickerte die Nachricht durch, dass Elektra-Asylum die Veröffentlichung des Album ablehnte, für Waits die perfekte Gelegenheit, sich von einem Label zu trennen, bei dem er sich ohnehin nicht mehr willkommen fühlte. Glücklicherweise erschien eine gute Fee, besser gesagt: Lionel Conway von Island Records, der seinen Boss auf Waits’ Potenzial aufmerksam machte. „Ich kannte seine Alben nicht sehr gut“, erinnert sich Island-Chef Chris Blackwell, „aber ich liebte seine Aura, seine Präsenz, seine außergewöhnliche Intelligenz und musikalische Originalität.“

Anfang 1983 flogen Conway und Blackwell nach L.A., um Waits zu treffen und die Veröffentlichung des Albums anzubieten. „Tom sagte nicht viel“, so Blackwell, „wir redeten hauptsächlich mit Kathleen, die meine Entscheidung, ihn unter Vertrag zu nehmen, stark beeinflusste.“

Derart raue und organische Musik zu hören, war zu einer Zeit, als anglo-amerikanischer Rock zunehmend synthetisch klang, ein Geschenk des Himmels. Auch der Einfluss des Albums auf die LoFi- und Analog-Bewegung des Folgejahrzehnts kann kaum überschätzt werden. „Ich glaube, ich war neidisch“, gibt Elvis Costello zu. „Nicht so sehr auf die Musik, aber auf Waits’ Fähigkeit, sich komplett neu zu erfinden und dabei seine angestammte Ecke zu verlassen.“ Die Musikpresse lobte Waits’ Mut, ein derart unkommerzielles Album zu veröffentlichen, denn an der Tagesordnung war damals eben Hochglanzpop. „Ich möchte lieber eigenverantwortlich scheitern als Erfolge feiern, die nicht auf meinem Mist gewachsen sind“, ließ Waits wissen. „Es ist nicht leicht, diesem Anspruch gerecht zu werden, aber ich war schon immer der Meinung, dass es wichtiger ist, wie man das Publikum berührt, und nicht, wie groß dieses Publikum ist.“

Carlos Guitarlos ergänzt: „SWORDFISHTROMBONES unterschied sich zwar von Toms bisheriger Musik, passte aber zu seiner Weltanschauung. Man könnte es als Weltmusik bezeichnen, aber das trifft es nicht. Man könnte es als Neuausrichtung betrachten, doch Tom hatte es immer schon in sich getragen. Es war etwas, das einfach passieren musste, als er aus seinem eigenen Schatten heraustrat.“

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