Uriah Heep: Denn sie wussten nicht, was sie tun

-

Uriah Heep: Denn sie wussten nicht, was sie tun

- Advertisment -

Auf der WONDERWORLD-Tour wurde Gary Thains Gesundheit zu einem echten Problem. Der gnadenlose Terminplan forderte bei dem heroin-süchtigen Bassisten seinen Tribut. Es gibt viele Geschichten, wonach Thain auf Gepäckwagen in Flugzeuge gebracht werden musste oder seine Bandkollegen Piloten davon überzeugen mussten, ihn mitzunehmen, selbst wenn er in keinem reisefähigen Zustand war. „Wäre Gerry auch nur ein halb so guter Manager gewesen, wie er gerne behauptete, hätte er die Tour abbrechen und diejenigen, die Hilfe brauchten, in Behandlung schi-cken sollen,“ stellt Kerslake fest. „Doch er war so beschäftigt mit seinem Studio, seiner Plattenfirma und seiner Fluglinie, dass er überhaupt nicht an seine wirklichen Geldbringer dachte.“ Bron be antwortet diese Anschuldigungen mit typischer Gelassenheit. „Hör zu“, sagt er, „es ist leicht, diese Dinge jetzt zu sagen, aber damals hat sich nie-mand beschwert. Sie taten weiterhin ohne Wenn und Aber das, was sie taten.“
Mick Box widerspricht energisch. „So eine wichtige Entscheidung für die Band zu treffen, sollte doch wohl das sein, worum es als Manager geht, oder?“, tobt er.

Auf Tour ging der Wahnsinn weiter. Nach einer Show in Harrisburg, Pennsylvania, kippte ein berauschter Byron in seinem Hotelzimmer um. Blut strömte aus einer tiefen Kopfwunde, während er komatös auf dem Boden des Badezimmers lag. Hätte der Sänger seinen Zimmerschlüssel nicht einem weiblichen Fan gegeben, wäre er wohl aller Wahrscheinlichkeit verblutet. Laut Bron konnte Byron sich bei seiner Ankunft im Krankenhaus nicht an seinen Namen, sein Geburtsdatum oder seine Adresse erinnern.„Selbst, als er konfrontiert wurde, kannte David keine Reue“, sagt Hensley. „Er machte keinerlei Anstalten, sich zu ändern. Das konnte eindeutig nicht so weitergehen.“

Eine der Aufgaben der Roadcrew auf der US-Tournee bestand darin, nach jedem Konzert bei Bronze in London anzurufen und auf dem Anrufbeantworter Bericht zu erstatten. „Das war üblicherweise etwa so: ‚Alles OK hier, das sind die Zahlen…‘ und ‚Wir sitzen im Flieger zum nächsten Gig‘“, sagt Bron. „Aber Byron, der zu diesem Zeitpunkt sehr betrunken war und Pillen nahm, erfuhr davon und fing an, seine eigenen Nachrich-ten zu hinterlassen: ‚Ihr Haufen verfickter Wichser‘. Er wusste, dass die Mädchen im Büro seinen Mist transkribieren mussten.“

Bassist Gary Thain verließ Uriah Heep im Januar 1975 nach Ende der WONDERWORLD-Tour. Elf Monate später, am 8. Dezember, fand seine Freundin ihn tot in der Badewanne seiner Wohnung in Süd-London, gestorben an Lungenversagen als Folge einer Überdosis Heroin. Er war erst 27. Die Nachricht brachte Ken Hensley dazu, sich heillos zuzukoksen. Mick Box weiß nicht mehr, wo er war, als er von Thains Tod erfuhr, aber sagt, „es muss wohl irgendwo auf Tour gewesen sein. Wie fühlte ich mich? Sagen wir es so: Ich war nicht überrascht.“

Nachdem Bassist John Wetton als Ersatz für Thain eingestiegen war, brachte RETURN TO FANTASY von 1975 Uriah Heep nach der Ziellosigkeit von WONDERWORLD so eindrucksvoll auf Kurs, dass es zum bis dato meistverkauften Album der Band wurde. Beflügelt von neuem Selbstbewusstsein, beschloss man, das nächste Album, HIGH AND MIGHTY von 1976, selbst zu produzieren. Box, der die Platte später als „weniger ‚eavy, aber mehr ‚umble“ (weniger heavy, aber bescheidener) bezeichnete, gibt zu, dass er mehr daran interessiert war, trinken zu gehen, als tatsächlich Musik zu machen. „Und das tat er auch, zusammen mit Lee“, sagt Hensley. „John Wetton tauchte manchmal auf, wenn er gerade nicht mit Bryan Ferry beschäftigt war, was nett von ihm war.“

Nach drei Alben außerhalb des Heep-Kosmos, in denen Bron ihn als Leiter der Londoner Roundhouse-Studios installiert hatte, kehrte Ashley Howe zurück als Toningenieur für HIGH AND MIGHTY. Mit äußerstem Understatement be- schreibt er die Sessions als „schwierig“. „Gewisse Leute wurden schwer kontrollierbar, was nach ein paar Gläsern schlimmer wurde“, erinnert er sich. „Bandmitglieder wurden aufmüpfig. Einer von ihnen hielt es für nötig, mich daran zu erinnern, dass ich als Tee-Junge angefangen hatte. Ich werde nicht sagen, wer es war, aber es war nicht Mickey.“

Box erinnert sich daran, dass Byron in den Studiokeller geschickt wurde, wo ein Mikro aufgebaut war, um die ungewöhnliche Akustik einzufangen. „Nur dass wir den Part aufnahmen und dann, weil Drogen und Alkohol im Spiel waren, den armen David vergaßen. Eine Stunde später drehte jemand einen der Fader auf und wir hörten: ‚Ihr Haufen Arschlöcher. Lasst mich hier raus!‘“

Howe gibt zu, dass ihm unwohl war, als Bron zum letzten Anhören von HIGH AND MIGHTY kam. „Gerry sagte, dass ihm gefiel, was wir getan hatten, aber ich denke, es war emotional schwierig für ihn, nicht mehr beteiligt zu sein. Das muss ein bisschen so gewesen sein, wie ein Kind loszulassen.“

Tatsächlich hasste Bron HIGH AND MIGHTY. „Gerry würde es niemals gefallen, weil er nun mal düpiert worden war“, sagt Hensley. „Ihn als Produ-zenten rauszuwerfen, war die falsche Entscheidung. Wir wollten ihm die Schuld an allem geben, was schiefgelaufen war.“ „Gerry war genauso wichtig für den Aufstieg von Uriah Heep wie für den Ab sturz“, hat Box verlauten lassen.

„Da versuchen sie doch nur, Ausreden dafür zu finden, dass sie es vergeigt haben“, kontert Bron heute. „Das nehme ich ihnen nicht übel. Der wahre Grund für den Niedergang von Uriah Heep war die Reibung zwischen ihnen, vor allem Davids Eifersucht auf Ken. Es war kindisch.“

So sehr sie die Vorstellung fürchteten, wurde der Band klar, dass David Byron gehen musste. Am Ende der Spanien-Tour 1976 wurde er gefeuert. In einer kurz darauf veröffentlichten Stellungnahme sagte Bron, die Entscheidung sei „im besten Interesse der Gruppe“ gefällt worden, und dass „bereits ein Ersatzsänger gefunden“ worden sei. Byron sagte dem „NME“, er sei „absolut erleichtert“ durch diese Entwicklung, und fügte hinzu: „All die Dinge, die mich auseinanderrissen, sind nun weg.“ In Bezug auf Hensleys Dominanz beim Schreiben der Musik sagte er einem niederländischen Magazin: „Wir hätten das Songwriting von allen verwenden sollen. Deswegen ist HIGH AND MIGHTY so ein Reinfall für mich.“

Box, Kerslake, Hensley und Wetton spielten alle auf Byrons Solodebüt TAKE NO PRISONERS (das vor seiner Entlassung entstanden war), doch die Probleme des Sängers bedeuteten, dass er nicht allein weitermachen konnte. „David wollte sich nicht helfen lassen“, sagt Kerslake. „Einmal schlug er mir ins Gesicht, trat mich und schrie mich an. Wir hielten es nicht mehr aus. Wir hatten Angst, dass er uns mit in den Abgrund ziehen würde.“ Es sagt viel über den Status von Uriah Heep aus, dass David Coverdale, Paul Rodgers und Ian Hunter vorsangen, um Byron zu ersetzen, obwohl sie den Job letztlich alle ablehnten. Hunter behauptet, ihm seien 5000 Pfund pro Woche geboten wo-den – 1976 eine Menge Geld. „Mir gefiel nicht wirklich, was sie taten“, sagte er später. Letztendlich entschied sich die Band für den Lucifer’s Friend-Frontmann John Lawton als Byrons Nachfolger.

Die folgenden Alben FIREFLY, INNOCENT VICTIM und FALLEN ANGEL hielten die Band im Gespräch, aber Lawton und Hensley entfernten sich immer weiter voneinander. Lawton für das misslungene CONQUEST von 1980 durch John Sloman von Lone Star zu ersetzen, war eine kata-strophale Entscheidung, die Hensley veranlasste, die Band zu verlassen. Für Gerry Bron war das al- les zu viel: „In meinen Augen hatten wir ohne Ken, David Byron oder Gary Thain keine Band mehr.“

1982 versuchten Box und der damalige Bassist Trevor Bolder, Byron für das Album ABOMINOG zurückzuholen, aber der Sänger war so am Ende, dass er ablehnte. „Wir besuchten David bei sich zu Hause und saßen danach total erschöpft im Auto“, erinnert sich Box. „Ich sagte zu Trevor: Was ist hier gerade passiert? Wir hatten in unseren Herzen gehofft, dass er wieder einsteigen würde. Aber er trank mehr denn je und versuchte letztlich sogar, mich dazu zu überreden, bei sei-ner Band mitzumachen.“

Byron sollte seine Dämonen nie besiegen. Am 28. Februar 1985 wurde er tot in seinem Haus in Reading aufgefunden. Als Todesursache wurden Komplikationen durch Alkohol angegeben. Gerry Bron gibt zu, dass er auch heute noch immer über die Entlassung nachdenkt. „Aber was hätten wir tun sollen?“, sagt er. „Alles abbrechen und warten, bis David sein Leben auf die Reihe kriegt? Wie hätten wir wissen sollen, dass er das dann auch getan hätte? Und was noch wichtiger ist: Wollte er denn überhaupt auf-hören?“

Byrons Weggang bedeutete das Ende von Uriah Heeps erfolgreichster Phase, aber nicht ihrer Karriere – auch heute sind sie noch Teil der Rocklandschaft. Mick Box ist das einzig verbleibende Gründungsmitglied und hält stolz die Fahne der Band hoch, die er vor mehr als 40 Jahren mit-begründete. Von 1986 bis 2007 genoss die Band – Box, Kerslake, Bassist Trevor Bolder, Sänger Bernie Shaw und Keyboarder Phil Lanzon – eine Phase der Stabilität, die sie zu ihren Hochzeiten in den 70ern nie erlebt hatten. Doch selbst dann holte die Vergangenheit sie gelegentlich wieder ein. Im Dezember 2001 traten Ken Hensley und John Lawton im Londoner Shepherd’s Bush Empire bei einem Event namens „The Magician’s Birthday“ mit Heep auf. Hensley denkt ungern daran zurück. „Es war verdammt schlecht“, sagt er. „Ich war nicht richtig vorbereitet und mochte einige der Witze nicht, die sie bei den Proben meiner Songs machten. Ich sah in den Raum, und da hätte jemand stehen sollen, wo Bernie Shaw stand. Es fühlte sich sehr fake an. Aber wenigstens konnte ich mit Lee Frieden schließen.“

„Kens Kommentare zu Bernie sind doch etwas billig“, sagt Box. „Als Band taten wir alles, was wir konnten, damit Ken sich willkommen fühlte, und Humor ist doch immer gut, um das Eis zu brechen. Es tut mir leid, dass er das nicht so sah.“ Kerslake verließ die Gruppe 2007 aus gesundheitlichen Gründen. „Bei einer Untersuchung im Krankenhaus wurden acht oder neun Probleme bestätigt, inklusive Tinnitus, Arthritis im Arm, Ellbogen und Knie“, sagt er. „In meinem Alter (64 )war es einfach nicht mehr möglich, dass ich noch mal eine Welttournee bewältigen könnte.“

5 Kommentare

  1. Traurig, Gary Thain war mein leuchtendes Vorbild, als ich Anfang der 70er (als fauler Gymnasiast, immer vom Hängenbleiben bedroht, der ohnehin Rockstar werden wollte und gar nicht drauf aus war, jemals Abitur zu machen) mit meinem lausigen Klira-Bass versuchte, irgendetwas auf die Reihe zu kriegen, nicht zuletzt auch, um bei den Mädels zu punkten und Byron kam wegen seiner Stimme sowieso gleich nach dem lieben Gott. Daß Thain schon seit 75 tot war, hatte ich lange gar nicht auf dem Schirm, und als ich Ende 86 noch immer kein Rockstar war und deshalb mit fast 30 ein Jurastudium anfing (seit April 94 Rechtsanwalt und nur noch Freizeitmucker), wußte ich auch nicht, daß sich Byron da schon ein Jahr vorher totgesoffen hatte. War vielleicht ganz gut, daß es bei mir nur zum Provinzmucker gereicht hatte, auch wenn ich Thains echt geile Bassläufe inzwischen aus dem ff. nachspielen konnte, – ich lebe wenigstens noch. Aber „Demons and Wizards“ ist für mich noch immer das Geilste, das die Band je zustandegebracht hat.

    • Niemand hat das geniale 1. Live Album “ Uriah Heep Live ´73″ erwähnt. Damals war ich der totale Heep-Fan und konnte nicht loslassen von diesem voller Power und Leidenschaft eingespieltem Livealbum. Besonders „Look at yourself“ und „Gypsy“ sind für mich heute noch absolute unvergessene Ohrwürmer. Nicht zuletzt das Rock`Roll Medley haut einfach nur vom Hocker. David Byron war mit seiner Stimme einfach für die Songs geboren. Kein anderer nach ihm konnte diesen extravaganten Stil umsetzen. Leider konnten nur wenige meiner Mitschüler sich wirklich mit der Band und Progressiv-Rock identifizieren. Was bleibt sind schöne Erinnerungen an die 70-er Alben(sie stehen alle noch als Original in meinem Plattenschrank) und ich höre sie immer noch gerne.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Das Neueste

Video der Woche: David Bowie mit ›Young Americans‹

Ein junger David Bowie wendet sich vom Glamrock zum Soul mit der geballten Unterstützung von Cher und John Lennon....

Pink Floyd: Der letzte Stich ist der tiefste

THE FINAL CUT von 1983 mag nicht das erste Album von Pink Floyd sein, das einem je in den...

Alice Cooper: Auf Platz 1 der Charts mit DETROIT STORIES

Unser Interview mit Alice Cooper lest ihr in der aktuellen Ausgabe von CLASSIC ROCK. Mit seinem am 26. Februar erschienenen...

The Dead Daisies: Neues Video zu ›Chosen And Justified‹

Wer es auf der Erde momentan nicht mehr aushält, bekommt hier eine Fluchtmöglichkeit. Nachdem das neue Album HOLY GROUND im...
- Werbung -

Review: Mason Hill – AGAINST THE WALL

Ein steiniger Weg Zwischen der Bandgründung und der Veröffentlichung des Mason-Hill-Debüts AGAINST THE WALL liegen geschlagene acht Jahre. Was das...

Rückblende: The Rolling Stones mit ›Let It Loose‹

„Ich verstand hinterher nicht wirklich, worum es da ging“, sagt Texter Mick Jagger über einen Track auf EXILE ON...

Pflichtlektüre

Black Country Communion

Zweiter Frühling Das Leben von Glenn Hughes ist eine emotionale...

Queen: Brian May stellt Band-Edition von „Monopoly“ vor

Gitarrist Brian May verkündet, dass im Laufe des Jahres...
- Advertisement -

Das könnte dir auch gefallenÄHNLICH
Für dich empfohlen